|
Antikriegstag mißbraucht
Neonaziaufmarsch in Greifswald verboten. Leipzig cancelt Friedens- und
Antifademos gleich mit
Was dem Bund der Vertriebenen von höchster Stelle, nämlich von Otto
Schilys Innenministerium, zugestanden wird, ist den strammen Jungs von
der NPD und den sogenannten Freien Kameradschaften nicht vergönnt:
Während die einen ihren »Tag der Heimat« dieses Jahr offiziell am 1.
September begehen dürfen, ist den neuen Nazis dergleichen (noch?)
nicht gestattet. Sie hatten für den 1. September Demonstrationen in
Greifswald, Leipzig und Weimar angemeldet. Die Aufmärsche in Leipzig
und Greifswald sind untersagt worden, die Aktion in Weimar wurde von
der NPD am 5. August wieder abgesagt - auch ein Erfolg der
antifaschistischen Mobilisierung zu Gegenaktivitäten.
Angesichts des jüngsten Fehltritts der Justiz in Wunsiedel sind jedoch
Zweifel angebracht, ob die Verbote Bestand haben werden. Schließlich
dürfen die Revisionisten des Bundes der Vertriebenen sich an diesem
Tag in etlichen Bundesländern über die Beflaggung vor öffentlichen
Gebäuden freuen. Die Länderressorts haben vom Bundesinnenministerium
eine entsprechende Vorgabe bekommen, die sie nach eigenem Gutdünken
ausführen können (siehe jW vom 21. 7.). Die Fahnen werden unter
anderem in Sachsen-Anhalt, aber auch im PDS-SPD- regierten
Mecklenburg-Vorpommern gehißt. So können die Vertriebenen, vom Staat
unterstützt, ausgerechnet am 62. Jahrestag des Überfalls
Hitlerdeutschlands auf Polen die Fahne für die alte Heimat in den
»Ostgebieten« hochhalten und deren Verlust damit wieder einmal zum
Unrecht erklären.
Was den Neonaziaufmarsch in Leipzig betrifft, so rechnet die
Stadtverwaltung eigenen Angaben zufolge nicht mit dem Bestand des von
ihr ausgesprochenen Verbots vor dem Oberverwaltungsgericht Bautzen.
Dies, obwohl die »Kameraden« um die einschlägig bekannten Anmelder
Thomas Wulff und Steffen Hupka unter dem unmißverständlichen Motto
»1.9. - damals wie heute: Für Freiheit, Frieden und Selbstbestimmung!«
die Kriegsschuld Deutschlands öffentlich leugnen wollen. Im Falle
einer Genehmigung wird die Stadt den Aufzug durch ein massives
Polizeiaufgebot schützen.
Das Leipziger Bündnis gegen Rechts teilte am Dienstag mit, daß die
Stadt nunmehr alle antifaschistischen Demonstrationen am 1. September
pauschal verboten hat. Davon sei auch die für den Abend, also zeitlich
lange nach dem Neonaziaufmarsch geplante linke Demonstration
betroffen. Sie steht unter dem Motto »Deutschland den Krieg erklären!
Den zivilgesellschaftlichen Militarismus und die Neue Weltordnung
angreifen!«. Die Anmelderin der Demonstration, die
PDS-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke, sagte am Mittwoch gegenüber jW,
die Polizei habe ihr bislang noch keine definitive Entscheidung
mitgeteilt. Wenn sie jedoch einen Verbotsentscheid erhalte, werde sie
juristisch dagegen vorgehen.
Die von der NPD für den 1. September in Greifswald angemeldete
Demonstration ist am 10. August von Oberbürgermeister Arthur König
verboten worden. In der Begründung wird ausführlich auf die Bedeutung
des gewählten Datums verwiesen. Unter anderem heißt es dort, mit einem
solchen Aufzug werde die Völkerverständigung »unmittelbar gefährdet
und gestört«. Es wird auf den Jahrestag des Überfalls auf Polen und
darauf verwiesen, daß der 1. September »über viele Jahre sowohl in der
ehemaligen DDR und auch in der BRD vor 1990 als Weltfriedenstag bzw.
als Antikriegstag begangen« wurde. Der Tag stehe »für das Bekenntnis
der deutschen Bevölkerung zur Kriegsschuld, zur Verantwortung für die
durch den Krieg und die Naziherrschaft verursachten Greuel und den
Wunsch und die Hoffnung, nie wieder in kriegerische
Auseinandersetzungen verwickelt zu werden«. Gleichzeitig sei er auch
»ein Tag der Erinnerung und des Gedenkens an die Opfer des 2.
Weltkrieges«. In der Hansestadt sind unterdessen trotz des Verbots
zahlreiche Veranstaltungen und eine Kundgebung gegen Rechts geplant,
die vom mittlerweile im wesentlichen von der Kirche getragenen
»Bündnis gegen rechts« organisiert und von der Stadt unterstützt
werden. Folgerichtig ist die erste Aktion ein Gottesdienst am Morgen
des 1. September auf dem Markt.
Zeitgleich soll am Mahnmal für die Opfer des Faschismus am Bahnhof ein
Kranz niedergelegt werden. Um 10.15 Uhr soll, ebenfalls auf dem Markt,
eine Kundgebung stattfinden, auf der unter anderem der OB und der
Rektor der Uni sprechen werden. Was bei von der offiziellen Politik
getragenen Aktionen neu ist: Persönlichkeiten der Stadt rufen zur
friedlichen Sitzblockade gegen die Neonazis auf. Sollte es beim Verbot
der NPD-Demonstration bleiben, finden die Antinazi-Aktionen erst am 2.
September statt, so die Veranstalter.
Jana Frielinghaus
|